Einsamkeit als Gesundheitsrisiko im Alter

Einsamkeit im öffentlichen Fokus

Anfang 2018 richtete Grossbritannien ein Ministerium für Einsamkeit ein. Der Psychiater Manfred Spitzer warnt in seinem im Frühjahr publizierten Buch von «Einsamkeit als unerkannte Krankheit», die schmerzhaft, ansteckend und tödlich sei. Das Buch wurde im deutschsprachigen Raum von den Medien rege rezipiert. Die Bedeutung von Einsamkeit auf die Gesundheit rückte so in der Öffentlichkeit vermehrt in den Fokus. Für die Wissenschaft ist das Thema nicht neu. Etliche epidemiologische Ergebnisse zum Zusammenhang von Einsamkeit und Gesundheit wurden in den letzten Jahren publiziert.

Einsamkeit als gesellschaftliche Entwicklung

Bereits Aristoteles beschrieb den Menschen als «Zoon politikon», als soziales und politisches Wesen, das auf die Gemeinschaft angewiesen ist. Das Eingehen zwischenmenschlicher Bindungen gehört zu den fundamentalsten Bedürfnissen des Menschen. Nicht nur sichert es das Überleben, sondern bietet auch Schutz, Sicherheit und Geborgenheit und fördert somit unser psychisches Wohlbefinden.

Mit der zunehmenden Individualisierung in westlichen Gesellschaften ist die soziale Einbettung des Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr. Hohe Mobilität, konstant hohe Scheidungsraten und die Tendenz zu Singlehaushalten fördern die Singularität. In mehr als einem Viertel der Haushalte in der Schweiz wohnt nur eine Person, Tendenz steigend, vor allem bei der älteren Bevölkerung. Mit der weiter fortschreitenden demografischen Entwicklung wird sich das Phänomen der Einsamkeit zuspitzen. Die Psychologin Julianne Holt-Lunstad spricht sogar von einer Einsamkeitsepidemie, vor der vor allem westliche Länder stehen.

Einsamkeit = soziale Isolation?

Einsamkeit ist nicht gleichzusetzen mit sozialer Isolation. Sie ist gemäss dem Psychologen John Cacioppo vielmehr definiert als das Gefühl, sozial isoliert zu sein. Einsamkeit ist somit ein subjektives Empfinden. Soziale Isolation meint hingegen einen objektiven Tatbestand, über keine oder nur wenige soziale Beziehungen zu verfügen. Einsamkeit ist nicht zwingend an die An- und Abwesenheit von Menschen gebunden. Menschen können sich auch unter zwanzig Freundinnen und Freunden einsam fühlen. Umgekehrt müssen sich Menschen mit objektiv wenigen sozialen Kontakten nicht unbedingt einsam fühlen. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die Qualität der sozialen Beziehungen.

Vereinsamung nimmt im Alter tendenziell zu

Einsamkeit stellt in der Schweiz ein weit verbreitetes Gefühl dar: Im Schnitt fühlt sich gemäss der schweizerischen Gesundheitsbefragung aus dem Jahre 2012 jeder Dritte manchmal bis häufig einsam. Mehr als 40 Prozent der 15- bis 34-Jährigen fühlen sich manchmal bis häufig einsam. Die Häufigkeit nimmt während des mittleren Lebensabschnitts ab und steigt im Alter von 75 Jahren wieder auf einen Drittel an.

Soziale Isolation ist weit mehr vom Alter abhängig als das Gefühl von Einsamkeit. Mit dem Alter steigt der Anteil der Personen an, die über keine Vertrauensperson verfügen, mit der sie sich über persönliche Angelegenheiten austauschen können und Unterstützung erhalten. 7,6 Prozent der über 75-Jährigen gaben an, über keine Vertrauensperson zu verfügen.
Je älter wir werden, desto kleiner wird das soziale Netz. Familienangehörige und Freunde versterben, die Mobilität nimmt ab und Hörbeeinträchtigung erschweren die Kommunikation mit anderen. Kommen finanzielle Hindernisse hinzu, ziehen sich ältere Menschen oft zurück, weil die Pension nicht mehr für Mitgliederbeiträge reicht oder für einen Kaffee im Restaurant. Aufgrund der höheren Lebenserwartungen sind es besonders Frauen, die im Alter von Einsamkeit und sozialer Isolation betroffen sind.

Einsamkeit gefährdet die Gesundheit

Sich allein zu fühlen, erhöht den Stresspegel und somit auch das Risiko für eine Reihe stressbedingter Erkrankungen. In einer Untersuchung konnten John Cacioppo und sein Forschungsteam zeigen, dass Menschen, die sich beim Zubettgehen einsam fühlten, am nächsten Morgen erhöhte Cortisolspiegel aufwiesen. Längerfristig erlebter Stress lässt den Blutdruck ansteigen und erhöht das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Zudem schwächt es das Immunsystem und macht anfälliger auf Entzündungen aller Art.

Es ist naheliegend, dass Vereinsamung auch auf die psychische Gesundheit negative Effekte hat und Auswirkungen auf kognitive Prozesse zeitigt. So werden laut Cacioppo Einsamkeit und soziale Isolation nicht nur in Verbindung gebracht mit einem erhöhten Suizidrisiko, sondern ebenfalls mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen sowie nachlassender Hirnleistung und Demenz.

Die ausgeführten Krankheitsrisiken gehen mit einem höheren Sterberisiko einher. Wie stark sich das Gefühl des Alleinseins und sozialer Isolation auf die Mortalität auswirkt, quantifizierten Forscher um Julianne Holt-Lunstad in einer Metaanalyse, die 148 Untersuchungen und 300'000 Probanden umfasste: Wer sich einsam fühlt und keine stabilen Beziehungen zu anderen Menschen aufbaut, stirbt im Schnitt früher als andere. Demnach ist Einsamkeit und sozial isoliert sein ebenso schädlich für die Gesundheit wie 15 Zigaretten am Tag zu rauchen und schädlicher als Übergewicht. Der Einfluss der Einsamkeit ist also demjenigen von anerkannten Risikofaktoren durchaus vergleichbar. Dieselbe Metaanalyse zeigt umgekehrt, dass starke soziale Beziehungen mit einer doppelt so hohen Lebenswahrscheinlichkeit einhergehen.

Gemeinsam statt einsam im Alter

Gesundheit hat eine wesentliche soziale Dimension. Soziale Beziehungen, psychisches und körperliches Wohlbefinden stehen in engem Zusammenhang mit der Gesundheit. Ältere Menschen sind aufgrund der mit dem Alter tendenziell schrumpfenden Sozialbeziehungen häufiger von Vereinsamung betroffen. Als Folge einer älter werdenden Gesellschaft wird sich das Phänomen der Einsamkeit zukünftig noch verschärfen.

Älter sein heisst aber nicht per se einsam zu sein. Es gibt Wege aus der Einsamkeit. Mit den kommunalen Netzwerken für Bewegung und Begegnung im Alter engagiert sich das Amt für Gesundheitsvorsorge seit Jahren für die Förderung sozialer Teilhabe älterer Menschen in den Gemeinden. Begegnungsaktivitäten im nahen Lebensumfeld bieten älteren Menschen die Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen und sich sozial eingebunden zu fühlen. Dies fördert ebenfalls ihre Selbständigkeit sowie Lebensqualität und ermöglicht, länger zu Hause zu leben. Sozialer Isolation älterer Menschen entgegenzuwirken, wird auch inskünftig in der Fachstelle Gesundheit im Alter als Ziel verfolgt.

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